Interview: JÖRG DAHLMANN


„Immer geradeheraus“

Jörg Dahlmann war fast 40 Jahre im deutschen Fernsehen als Fußball-Kommentator tätig, arbeitete unter anderem für ZDF, Sat1, Sport1 und Sky. Seinen Kultstatus beim Publikum verdankt er seinem außergewöhnlichen Reportage-Stil. Seine zum Teil preisgekrönten Reportagen, wie über Otto Rehhagels legendären Wechselfehler oder das Jahrhundert-Tor von Jay-Jay Okocha, werden hunderttausendfach im Internet abgerufen. Mit seiner ungewöhnlichen, emotionalen Art polarisierte Dahlmann aber auch immer wieder. Sein Rauswurf bei Sky sorgte für Schlagzeilen. In seinem Buch „Immer geradeheraus“, jetzt erschienen bei EDEL SPORTS, schreibt Dahlmann (63) über seine Zeit als Fußballreporter und über seine schweren Krebserkrankungen.


Jörg, wie entstand die Idee zur Autobiografie? 

Mein Kollege Ulli Potofski hatte mich schon wiederholt angesprochen, ob ich nicht eine Autobiografie schreiben möchte. Das war aber weit, weit vor meinem Rauswurf. Da habe ich immer gesagt: Ich weiß nicht so recht, ist das wirklich mein Ding? Habe ich genug zu erzählen? Interessiert das genug Menschen? Nach der Sky-Geschichte hatte ich dann plötzlich viel Zeit. Und dann habe ich entschieden. Ich mache es. Und ich schreibe diese Biografie selbst.

War der Schreibprozess auch ein Stück weit die Bewältigung deines Rauswurfs?

Nein. Es war nie gedacht als Bewältigung irgendeiner Sache, sondern ich wollte nur aufschreiben, was ich in fast 40 Berufsjahren erlebt habe. Und ich wollte zwei Kapitel hinzufügen. Eines über meine Krebserkrankungen. Und eines über Sprache, über die ganze Geschichte mit Sexismus, Rassismus und Gendern. Dieses Kapitel war sehr schwierig.

Zwei pointierte Kommentierungen haben zu deinem vorzeitigen Vertragsende bei Sky beigetragen. Bei einem Spiel von Union Berlin hast du über den damaligen Torwart Loris Karius sinngemäß gesagt, dass er sich das sicherlich anders vorgestellt hätte, als dort nur Ersatzkeeper zu sein. Aber wenn er nach Hause kommen würde, wäre ja seine Liebste dort, seine damalige Freundin Sophia Thomalla. Und dann kam der Satz: „Na ja, für eine Kuschelnacht mit Sophia Thomalla würde ich mich auch auf die Bank setzen.“ Dies trug dir den Vorwurf des Sexismus ein.

Ich sage weiter, dass dieser Spruch aus meiner Sicht absolut harmlos war. Nicht vergleichbar mit sexuellen Anzüglichkeiten oder gar Übergriffen. Sehr wichtig war mir, dass sich Sophia überhaupt nicht angegriffen fühlte. Sie hat mir gesagt, dass sie den Spruch witzig fand, er sei ja sogar ein Kompliment für sie gewesen.

Im 7. März 2021 war dann dein letzter Arbeitseinsatz für Sky. Du sagtest nach einer vergebenen Chance des japanischen Profis Sei Muroya (Hannover 96): „Es wäre das erste Tor für ihn in Deutschland gewesen. Das letzte hat er im Land der Sushis geschossen.“ Sushi war dein Synonym für Japan.

Die Hetzjagd auf mich wurde eröffnet durch einige Artikel, die die Meinung von Twitter-Usern wiedergaben, diese Äußerung sei rassistisch. Diese Berichte wirkten wie Brandbeschleuniger. Plötzlich wurde ich als Rassist gebrandmarkt, obwohl sich zahlreiche Japanerinnen und Japaner bei mir gemeldet haben. Sie schrieben, Sushi sei der ganze Stolz der Japaner, eine solche Äußerung sei überhaupt nicht rassistisch. Doch statt mich zu schützen, nahm Sky dies zum Anlass, meinen Vertrag vorzeitig zu beenden. Dies hat mich sehr verletzt. Mir Rassismus vorzuwerfen, ist völlig absurd. Ich bin Botschafter der Initiative „Respekt! Kein Platz für Rassismus“. Doch die haben mich öffentlich einfach gegrillt. Und das deckt sich nicht mit dem Bild, dass die Verantwortlichen gern von ihrem Sender zeichnen. Wir sind so divers, wir sind so fair. Und dann haben sie keine Probleme, einen Mitarbeiter derart an die Wand zu nageln. Das ärgert mich nach wie vor. Wenigstens im Nachhinein hätte sich Sky entschuldigen können. Mit dem Tenor: Vielleicht sind wir etwas über das Ziel hinausgeschossen. Stattdessen sitzen sie weiter auf dem hohen Ross und denken wahrscheinlich, dass eine Entschuldigung ein Zeichen von Schwäche wäre.

Du beschreibst dies in deinem Buch sehr ausführlich, nennst auch die Namen der Sky-Verantwortlichen für deinen Rauswurf. Damit dürftest du dir beruflich einige Türen zugeschlagen haben.

Das kann sein. Aber ich rede aus der Lage eines 63-jährigen Frührentners, der den Großteil seines Lebens auf Mallorca mit einer hohen Lebensqualität verbringen darf. Mit 53 hätte ich dieses Buch wahrscheinlich nicht so geschrieben.

Wie entstand der Kontakt zu EDEL SPORTS?

Über meinen Literaturagenten. Er sagte mir, EDEL SPORTS sei sportaffin, sehr fair und sehr angenehm in der Zusammenarbeit. Ich kann das nur bestätigen. Ich bin der Crew sehr dankbar, insbesondere meinem Lektor Dr. Marten Brandt. Marten war sozusagen mein Verbesserer. Und mit ihm habe ich das Manuskript um 180 Seiten gekürzt. Ich hatte viel zu viel geschrieben. Geopfert habe ich dann vor allem Sachen aus dem privaten Bereich und aus meinem Studium. Ich habe mir gedacht, dass die Leserinnen und Leser mehr daran interessiert sind, Dinge aus meinem Berufsleben zu erfahren.

Konntest du auf eine Art Tagebuch beim Schreiben zurückgreifen?

Nein, ich habe nie Tagebuch geführt. Ich habe mir nur wegen meiner Abrechnungen meine Reporter-Einsätze aufgeschrieben, das hat geholfen.  Dann habe ich wie früher in der Schule erstmal eine Gliederung gemacht und Dinge, die mir eingefallen sind, in einer Word-Datei aufgeschrieben.

In deinem Buch schreiben Kollegen wie Béla Rethy oder Rolf Töpperwien Einwürfe. Aber auch Trainer wie Friedhelm Funkel, Winfried Schäfer oder Felix Magath schreiben über dich. Musstest du Überredungskünste leisten?  

Überhaupt nicht. Die haben alle gesagt, wir machen das gern.

Du schreibst ebenfalls sehr offen über deine Krebserkrankungen. Du hast gleich dreimal in deinem Leben diese Diagnose bekommen …

Ich wollte dieses Kapitel unbedingt. Ich gebe in dem Buch ja auch Ratschläge, etwa, dass man unbedingt einen Gentest machen sollte, wenn man von Magen- oder Darmkrebs in der Familie weiß. Oder dass man – abhängig von der Schwere der Erkrankung – einen Schwerbehindertenausweis beantragen kann. Wer dies als Betroffener liest, der wird hoffentlich entsprechend handeln. Bei mir haben sich in der kurzen Zeit schon zwei Leute gemeldet, dass mein Buch bei ihnen den Impuls auslöste, sich untersuchen zu lassen. Wenn ich nur eine Handvoll Menschen bewegen kann, sich checken zu lassen, habe ich mit dem Buch schon ganz viel erreicht.

Wie sehr haben die Krebserkrankungen den Menschen Jörg Dahlmann verändert?

Sehr. Vor allem die erste Diagnose. Als ich den Darmkrebs überlebt habe, habe ich mir gesagt: Ich will nicht mehr warten, bis ich alt bin, um Dinge zu genießen und Träume umzusetzen. Ich mache das jetzt zeitnah. Ein paar Jahre später habe ich mir dann die Wohnung auf Mallorca gemietet. Ich wollte immer im Süden leben.  Und es gibt noch einen wichtigen Punkt. Die Erkrankungen haben mir den Mut gegeben, Dinge, die ich nicht gut finde, sehr klar beim Namen zu nennen. Deswegen mache ich das auch in diesem Buch. Das gehört für mich zur Ehrlichkeit.

Vermisst du die Einsätze als Sportreporter?

Ja, ich war immer mit Leib und Seele bei der Sache. Es war mein Traumberuf. Und eigentlich fühle ich mich zu jung, um monatlich meine Rente zu beziehen. Wenn es nochmal ein Angebot als Reporter geben sollte, würde ich auf jeden Fall prüfen, ob es passt. Andererseits genieße ich meine Freizeit, vergangenes Jahr habe ich mich sehr intensiv mit meinem Buch beschäftigt.

Könntest du dir ein zweites Buch vorstellen?

Meine Geschichte ist auserzählt. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, als Ghostwriter für einen Prominenten eine Biografie zu schreiben. Zum Beispiel mit Trainer Friedhelm Funkel, den ich sehr mag.

In seinem Buch Immer geradeheraus“ erzählt Jörg Dahlmann von den sportlichen und persönlichen Highlights in seinem Reporterleben, von magischen Fußballmomenten und besonderen Begegnungen in der glitzernden
Welt des Profisports.

Paperback. 320 Seiten. 19,95 EUR